Havanna im Dauerdunkel: Den einst belebten Lennon-Park meiden die Menschen nach Einbruch der Nacht
Kubas Stromnetz konnte am Sonntag während aller 24 Stunden den Bedarf nicht decken, für Montagabend meldeten die Staatsmedien eine Lücke von bis zu 1900 Megawatt. In Havanna leert sich der früher beliebte John-Lennon-Park im Vedado: Weil das Licht ausbleibt, häufen sich dort Diebstähle, und immer weniger Menschen bleiben, wenn es dunkel wird.
Was passiert ist
Nach Angaben der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft UNE, die das Staatsportal Cubadebate am Montag veröffentlichte, fehlte im nationalen Netz am Sonntag rund um die Uhr Leistung. Am grössten war die Lücke um 19.30 Uhr mit 1849 Megawatt. Für den Montagabend rechnete die UNE mit 1030 Megawatt verfügbarer Leistung bei einer Spitzennachfrage von 2900 Megawatt – knapp zwei Drittel des Bedarfs bleiben damit ungedeckt. Mehrere Blöcke der Kraftwerke Santa Cruz, Felton, Renté, Mariel und Nuevitas waren defekt oder in Wartung; die Solarparks lieferten tagsüber höchstens 543 Megawatt.
Die Stromkrise schlägt direkt auf das Wasser durch, denn über 85 Prozent der Pumpstationen laufen elektrisch. Laut der Wasserbehörde INRH, zitiert von der unabhängigen Zeitung 14ymedio, haben landesweit mehr als 2,7 Millionen Menschen Probleme mit der Versorgung. In Havanna liess ein Bruch in der wichtigsten Zuleitung Cuenca Sur vergangene Woche über 200'000 Bewohnerinnen und Bewohner in drei Stadtbezirken auf dem Trockenen; nach der Reparatur dauerte es noch sechs bis sieben Stunden, bis wieder Wasser floss.
Die Stimmung vor Ort
Wie sich das im Alltag anfühlt, zeigt eine Reportage von 14ymedio vom Montag aus dem John-Lennon-Park im Quartier Vedado. Der Platz mit der Bronzestatue des Beatles war lange ein lebendiger Treffpunkt. An einem Sonntag kurz vor 19 Uhr traf der Reporter dort nur noch wenige Menschen an, meist ältere, die sich ins öffentliche Internet einwählen wollten. Weil der Strom stundenlang fehlt, liegt der Park oft im Dunkeln – Besucher und Anwohner bringen das direkt mit der Zunahme von Diebstählen in Verbindung.
Ein bekannter Filmkritiker, der die Cinemateca de Cuba leitet, wurde dort vergangene Woche am helllichten Tag um sein Handy gebracht; die Polizei soll ihm gesagt haben, am selben Tag seien 15 weitere Diebstähle gemeldet worden. Einer älteren Frau wurde auf dem angrenzenden Bauernmarkt die Stofftasche aufgeschlitzt, sie bemerkte es erst zu Hause. Wenn die Dämmerung einsetzt, trauen sich laut der Zeitung immer weniger Leute, im Park zu bleiben.
Auch beim Wasser greifen die Habaneros zur Selbsthilfe. Im Quartier Luyanó waren Nachbarn laut 14ymedio über zehn Tage ohne fliessendes Wasser und fingen bei einem Regenguss das Wasser von den Dächern in Eimern und Tanks auf – nicht trinkbar, aber gut zum Putzen, Waschen und für die Toilette. Wer es sich leisten kann, bestellt einen Tankwagen: 1000 Liter kosteten in Havanna im September 10'000 bis 15'000 Pesos.
Wie unterschiedlich die Krise gedeutet wird, zeigt ein Beispiel vom selben Tag. Die Parteizeitung Granma machte in einem Bericht über eine stillstehende Fabrik für Operationshandschuhe in Las Tunas allein die US-Blockade verantwortlich, die das Volk ersticken solle. 14ymedio hielt dagegen, der Text verschweige die Abhängigkeit von Importen und offene Rechnungen bei ausländischen Lieferanten. Während die Staatsmedien die Stromlücke nüchtern in Megawatt melden, erzählt die unabhängige Presse von leeren Plätzen und Eimern unter der Dachrinne.
Stimmen aus den Medien
Quellen
- Cubadebate (staatlich): Elektrizitätsgesellschaft erwartet 1900 Megawatt Ausfall zur Spitzenzeit
- Granma (Nachdruck auf Cubadebate): Handschuhe, deren Produktion die Blockade verhindert
- 14ymedio: Dunkelheit und Diebstähle vertreiben die Besucher aus dem Lennon-Park
- 14ymedio: Stromausfälle und Pannen treffen die Wasserversorgung von 2,7 Millionen Kubanern
- 14ymedio: Die Handschuhfabrik von Las Tunas als Sinnbild des industriellen Scheiterns
Dieser Artikel wurde aus lokalen Quellen in der Landessprache neu geschrieben. Jede Aussage zur Stimmung stützt sich auf die verlinkten Berichte.