Stille über Oleschky: Die Ukraine hofft auf Rettung für die Eingeschlossenen – und traut der Waffenruhe kaum
Seit drei Uhr früh schweigen die Waffen rund um das russisch besetzte Oleschky am Dnipro. Erstmals sollen Hilfsgüter in die seit Monaten abgeschnittene Stadt gelangen und Zivilisten sie verlassen dürfen. In der Ukraine mischt sich Hoffnung mit tiefem Misstrauen.
Was passiert ist
Am Dienstag, 27. Oktober, um 3 Uhr Kyjiwer Zeit ist in einem abgegrenzten Gebiet um Oleschky im Gebiet Cherson eine lokale Waffenruhe in Kraft getreten. Der ukrainische Generalstab betont, sie gelte ausschliesslich für eine humanitäre Operation; Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow kündigte zur gleichen Zeit eine Feuerpause an der Cherson-Front an. Vermittelt hat die Vereinbarung nach Angaben des Weissen Hauses die US-First-Lady Melania Trump, Präsident Selenskyj bestätigte, der Vorschlag sei von amerikanischer Seite gekommen.
Die Lage in der Stadt gilt als verzweifelt. Seit Ende Mai ist Oleschky praktisch von regulärer Versorgung abgeschnitten, ukrainische Medien berichten von fehlendem Strom, Wasser, Medikamenten und Lebensmitteln. Wie viele Menschen noch dort leben, ist unklar: Die Schätzungen reichen von rund 1700 bis 2000 überwiegend älteren Menschen bis zu über 6000 im weiteren Umland. Vor dem Krieg hatte die Stadt etwa 24'000 Einwohner. Ukrainische Soldaten hatten zuletzt Lebensmittel per Drohne abgeworfen.
Geplant ist, dass zivile Vertreter beider Seiten die Bewohner aufsuchen und ihren Bedarf erfassen. Wer gehen will, soll in die Ukraine oder nach Russland gebracht werden. Wie lange die Feuerpause dauert, ist offen; Kyjiw und Moskau sprechen von mehreren Tagen.
Die Stimmung vor Ort
Die ersten Stunden verliefen nach offizieller Darstellung ruhig. Menschenrechtsbeauftragter Dmytro Lubinez meldete, beide Seiten hielten sich an die Absprachen, und bat die Bevölkerung, Angaben zu Bewohnern zu melden, die Hilfe brauchen. Der Ton in den Kyjiwer Medien bleibt aber vorsichtig: Podrobnosti fragt offen, ob die Evakuierung überhaupt gelingen kann.
Die Zweifel sind konkret. Selenskyj verweist auf verminte Strassen, die Russland erst räumen müsse, und befürchtet, dass Bewohner eher nach Russland als in ukrainisch kontrolliertes Gebiet gelenkt werden könnten. Laut Slovo i Dilo warnt auch die Menschenrechtsorganisation UGSPL, die Abmachungen garantierten noch keine volle Sicherheit der Zivilisten. Hinzu kommt Unklarheit über das Gebiet selbst: Kyjiw spricht von Oleschky, Moskau von der ganzen Cherson-Front.
Der Generalstab rief eindringlich dazu auf, keine Gerüchte über Routen, Zeiten oder Konvois zu verbreiten und nur offiziellen Quellen zu trauen. Dass die Not der Stadt vielen bisher kaum bewusst war, zeigt eine von Slovo i Dilo zitierte Zahl: Nur 24,5 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer wissen mehr als das Allgemeinste über die Lage in Oleschky.
Stimmen aus den Medien
Quellen
- Hromadske: Ukraine und Russland vereinbaren Waffenruhe in Oleschky ab 27. Oktober
- Podrobnosti: Oleschky am Rand der Katastrophe: Gelingt die Evakuierung?
- Slovo i Dilo: Im besetzten Oleschky hat die Waffenruhe begonnen
- LB.ua: Generalstab: Feuerpause nur für die humanitäre Operation
- UA.News: Lokale Waffenruhe in Oleschky in Kraft
Dieser Artikel wurde aus lokalen Quellen in der Landessprache neu geschrieben. Jede Aussage zur Stimmung stützt sich auf die verlinkten Berichte.